Heute vor 20 Jahren erlebten die Montagsdemonstrationen in der DDR ihren Wendepunkt: In Leipzig protestierten 70.000 Menschen friedlich gegen das Regime und veranstalteten die erste Demonstration mit echter Massenbeteiligung. So blieb die für diesen Tag angekündigte und allseits befürchtete gewaltsame Reaktion des Staates aus. Und die Sicherheitskräfte konnten auch nicht, wie bis dahin im Anschluss an die Leipziger Friedensgebete üblich, die Versammelten durch massiven Einsatz auseinandertreiben und nachher gängeln. Durch Kerzen und Gebete, Mut und Geschlossenheit führten die Leipziger die friedliche Revolution in der DDR zu einem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab.
Vor laufenden Kameras und damit vor den Augen der ganzen Welt skandierten die Leipziger “Wir sind keine Rowdies, wir sind das Volk”. Damit begegneten sie den Diffamierungen aus dem Vorfeld, mit welchen versucht worden war, die Demonstranten als Rowdies und Konterrevolutionäre darzustellen. Und so entwaffneten die Leipziger auf friedliche Weise die Staatsorgane. Denn diese mussten auf Gewalt verzichteten und zogen sich zurück. Der Souverän zeigte dadurch, wem tatsächlich die Macht im Staate zusteht.
Und dennoch wird die Bedeutung dieses Tages gemeinhin nicht angemessen gewürdigt. Der Grund dafür dürfte sein: dass an diesem Tag von der deutschen Einheit noch keine Rede war. Ins Gedächtnis der Deutschen eingebrannt hat sich nämlich vielmehr der 3. Oktober 1990 als Tag der deutschen Einheit. Dieser Tag steht für alles, was die Einheit herbeigeführt hat. Dadurch aber werden zwei Ereignisse vermengt, die getrennt zu würdigen sind, und zwar friedliche Revolution und Einheit.
Denn der 9. Oktober 1989 war ein Aufbruch der ostdeutschen Bevölkerung in Richtung Freiheit und Demokratie. Und das sollte auch so klar anerkannt werden! Nicht der Westen und Helmut Kohl haben die Diktatur in der DDR überwunden; es waren die Ostdeutschen selbst.
Würde dies mehr berücksichtigt, gäbe es heutzutage auch weniger Leute die meinen, in der DDR sei es gar nicht schlimm gewesen, man habe schließlich alles gehabt. Denn Letzteres stimmt nicht. Eine womöglich positiv erlebte Privatsphäre erlaubt nämlich keinen Rückschluss auf das gesamte Leben in der DDR. Denn es gab sehr wohl wesentliche Dinge, die diesem fehlten – so etwa politische Teilhabe, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit oder das Recht, sein Land zu verlassen. 70.000 können sich nicht irren!
Und auch ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie mir als sechsjähriger Knirps in der Schule unmissverständlich von den Lehrern gezeigt wurde, dass man nicht normal sei, wenn man an Gott glaube und zur Kirche gehe. Ferner erinnere ich mich, wie ich in den folgenden Wochen zum Religionsunterricht schlich, aus Angst davor, von Mitschülern vor der Kirche gesehen zu werden.
Ich bin dankbar dafür, dass dies bald ein Ende hatte. Mein Dank gilt daher auch den Leipzigern und ihrem Mut, den sie heute vor 20 Jahren aufgebracht haben.
Abschließend habe ich noch zwei Videos eingebunden, die Bilder der Leipziger Demonstration zeigen:
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“Würde dies mehr berücksichtigt, gäbe es heutzutage auch weniger Leute die meinen, in der DDR sei es gar nicht schlimm gewesen, man habe schließlich alles gehabt…”
Interessanter Ansatz. Auch dieses Jahr war ich wieder erstaunt, mit wie wenig intellektueller Tiefe die Ereignisse von vor 20 Jahren und die damit verbundenen Folgen betrachtet wurden.