Bereits nach 50 Meter konnten wir unser Glück kaum fassen. Der Wald war voller Glühwürmchen! Diese hatte ich im besagten Ferienlager vor 20 Jahren das letzte Mal gesehen. Traumhaft! Die erste halbe Stunde trotteten wir durch den Kiefernwald und hauten uns die Taschen voll. Erste Anflüge von Gruselgeschichten wurden sofort unterbunden. Wir philosophierten über die bevorstehenden U2-Konzerte und das Wesen der Bedeutung. Ein herrlicher Mond stand südlich über dem Neustädtischen Forst, als auf einer Lichtung rechter Hand die Rieselfelder begannen. Ein Schauer überkam uns. Die Rieselfelder lagen im Bodennebel. Vereinzelt ragten Baumwipfel aus dem Nebel hervor. Stille herrschte. So muss sich damals Sir Henry von Baskerville gefühlt haben, als er durch Darkmoor schritt. Allerdings hörten wir keinen Hund heulen. Gut so! Entlang des Naturlehrpfades ging es weiter in Richtung Wendgräben, immer entlang der Nebelkante, die teilweise auch unseren Weg umhüllte. Relativ schnell war dann das Dörflein Wendgräben erreicht. Der Ort schlief bereits, nur eine Katze querte unseren Weg. Weiter ging es in Richtung Neue Mühle. Auch dort schlief man bereits. Nur das Rauschen der Buckau störte das Quaken der Frösche. Nach der Buckau-Querung ging es scharf nach rechts in einen stockdunklen Mischwald. Hier mussten wir zum ersten Mal unsere LED-Lampen einsetzen. Der Lichtkegel gefiel einer Katze so gut, dass sie ca. ein Kilometer, aufgeregt jaulend, hinter uns her lief. Rechter Hand lag nun still die Buckau und wir gingen unseres Weges. Hier merkte ich das erste Mal, dass es mit meinen Beinen etwas eng werden könne. Wir hatten erst ca. 5 Kilometer hinter uns und meine Zehen meldeten sich ständig. Weiterhin stellte es sich als Nachteil heraus, dass ich am Hacken keinerlei Führung hatte, so dass ich das Gefühl hatte, ich eiere des Nachts aus dem Pub nach Hause.
Dennoch froh gelaunt erreichten wir die Buckau-Brücke um 00.15 Uhr und machten dort unsere erste Rast. Außerdem sammelten wir das versteckte Equipment ein. Nun hatten wir den kompletten Reiseballast auf unseren Schultern. Besonders das Stativ nebst SLR ließ einige Autofahrer in Richtung Mahlenzien erschaudern.
Weiter entlang der Buckau sollte uns unsere Nachtwanderung führen. In Richtung Kluthsche-Wiese erreichten wir den Gränertforst, den Traum unserer Jugend. Sagenumwobener Ort manch schaurigen Schicksals. Der Pfad wurde enger und die gemeine Brennnessel immer höher. Der Tau, der sich auf den Pflanzen abgelegt hatte, sorgte für nasse Socken. So schlenderte ich mit nassen, brennenden Füßen gen Möserschen See. Die Prognose meines diplomierten Sportwissenschaftlers an meiner Seite sorgte bei mir nicht für Frohlockungen. Es war eindeutig ein Negativtrend zu erkennen. Wir hatten noch nicht einmal die Hälfte geschafft.
Kurz vor Erreichen der Buckau-Mündung in den Möserschen See unterquerten gegen 01.30 Uhr wir eine grausige Eisenbahnbrücke. Zeitmangel ließ uns auf Mutproben verzichten. Nach Erreichen des Radwanderweges (Asphalt!!!) trotteten wir in Richtung Kirchmöser. Eine nächste Rast legten wir dort ein, wo früher das Mordhäuschen gestanden haben soll. Von dort hat man einen magischen Blick auf Brandenburg an der Havel, Kirchmöser und Buhnenwerder. Hier sollte das Stativ erstmals zum Einsatz kommen. Die Ergebnisse des Fotographen waren mehr als dürftig. Fortan diente das Stativ und die Kamera nur noch als Kulisse für unsere Wanderung. Zwei Deppen schleppen des Nachts digitale Geräte durch den Gränertforst und können sie nicht bedienen. Der moderne Habakuk Schmauch. Ein holziger Knüppel, welcher auch als Krummsäbel durchgehen würde, sollte uns nun vor Wildschweinen beschützen.
Wir waren gerüstet! Was hätten wir getan, wenn in stockfinsterer Nacht der Knüppel blau zu leuchten angefangen hätten? Orks! Ich hatte meinen Aragon in Form eines saufitten Sportlers bei mir. Auf seinem Rücken wären wir gen Malge gerannt. Ich hätte meine Strandlatschen als Abwehrmaßnahme in Richtung Uruk-hai geworfen.
Wir trotteten weiter durch die Nacht Kirchmöser entgegen. Mit brennenden Füßen ließen wir den Hechtsgraben links liegen, auch der Schweinegränert, rechts von uns, wurde ignoriert. Auf halben Wege zwischen Schweinegränert und Kirchmöser-Dorf folgte die nächste Rast mit wundervollem Blick auf Kälberwerder im Möserschen See. Kurzerhand neigten wir unsere Köpfe in den Nacken und schauten in Richtung Himmel. Sterne schauen! Es ist schon irre, wie viele Sterne man außerhalb der Stadt sehen kann. Wenig Streulicht ist immer gut für Himmelsgucker. Obwohl diesmal gar nicht die besten Bedingungen herrschten. Zu dieser Jahreszeit setzt die so genannte astronomische Dämmerung überhaupt nicht ein. Das heisst: dass der Himmel grundsätzlich immer vom Restlicht der Sonne erhellt wird. Direkt im Rücken unseres Rastplatzes verläuft die Bahnlinie Berlin/Magdeburg. Schon früh hörten wir, wie sich ein Zug näherte. Als dieser dann an uns vorbeirauschte, stellten wir fest, dass es nur eine Lok war. Dennoch wirkte sie auf uns wie der Triebwagen eines Geisterzuges. Wir hatten definitiv zuviel Atmosphäre getankt. Schließlich machten wir uns auf in Richtung Kirchmöser-Dorf. Ich trottete so vor mich hin, Tom schritt majestätisch voran. Am Fuße des ehemaligen Seepavilions Gränert konnten wir dann Halbzeit unserer Nachtwanderung feiern.
Auf der anderen Seite der Bahnlinie sollte dann der Faule See der nächste wichtige Wegepunkt unseres Tripps sein. Emotional der eigentliche Höhepunkt. Der Faule See ist für mich, aber auch für meinen treuen Begleiter, der Ort unserer schönsten Kindheitsträume. Einen Kilometer vor dem See mussten wir dann den Asphalt wieder verlassen. Die Tortur nahm dann für mich endgültig ihren Lauf. Kurz vor dem Faulen See bekam ich einen Ruck. Vor vier Wochen war ich hier, auf der Suche nach dem untergegangenen Dorf Derentin, das letzte Mal mit dem Mountainbike durchgerauscht. Es war unglaublich, wie schnell die Vegetation in diesen Wochen gen Himmel gewachsen ist. Der Weg war zugewuchert und die Brennnessel ragten über unsere Köpfe.
Am See herrschte dann eine Stockfinsternis; der Mond war bereits untergegangen. Nichts zu sehen, keine Biberburg, keine verrotteten Bäume, nichts! Wir mussten uns am Klang der Natur ergötzen. Trotzdem fehlte etwas der Charme vom See. Tom stand leicht entgeistert neben mir und hat den See bzw. dessen Umfeld nicht wiedererkannt. Ich glaube in diesem Moment spürte er sein wahres Alter… Entlang des Hechtgrabens kämpften wir uns durch die Wildnis zum nächsten Wanderweg vor. Für Dritte – ich hoffe da war niemand – muss das ein surreales Schauspiel gewesen sein. Ein humpelnd und LED-behangener Strohhutträger und ein Tommy Hass-Verschnitt mit Stativ und Kamera über der Schulter stolpern am Arsch der Welt durch die Nacht und unterhalten sich über Setlist kommender U2-Konzerte. Nun gut. Wir sind soweit glücklich und haben auch sonst keine Probleme mit der Zivilisation. Keine Sorge.
Am Wegekreuz in Richtung Diebesgrund/Silberquelle folgte dann die nächste Gewissensentscheidung. Geradeaus und schnurstracks in Richtung Buckau oder rechts ab und damit etliche Kilometer Mehrweg in Kauf genommen. Wir sind rechts abgebogen. Der mystische Diebesgrund und die sagenumwobene Silberquelle ließen keine andere Entscheidung zu. Ich hätte auf meine Füße hören sollen… Es folgte eine zermürbende Latscherei Richtung Süden, denn Düsteren Winkel im Sinn, aber leider erst viel zu spät vor den Augen. Ich hatte mich definitiv überschätzt. Meine Füße zollten Tribut. Es ging kaum noch was. Die Strandlatschen waren nicht für solch eine Tour konzipiert. Plattfüße! Kurz vor dem Diebesgrund entsteht derzeit eine Art Hochweg.
Um dem Morast zu entgehen legt man den Weg quasi auf hölzerne Stelzen. Tolle Sache! Am Diebesgrund setzte dann langsam die Dämmerung ein. Der Wald erwachte! Die Vögel gaben Laute von sich, dass einem das Blut in der Adern erfror. Der passende Ort für entsprechende Sagen oder Gruselgeschichten. An der Silberquelle boten sich uns ähnliche furchterregende Geräusche. Ob jemals nach Habakuk Schmauch jemand zu dieser gottlosen Stunde dort gewesen ist?
Fertig mit der Welt folgte der lange Marsch in Richtung Schleichweg Mahlenziehn/Kirchmöser – Brandenburg an der Havel. Großartigerweise haben wir uns dann leicht verlaufen.
Nochmal einen Kilometer oben drauf! Auf der Straße (Asphalt!) wurde dann das ganze Elend deutlich. Es ging definitiv nichts mehr. In einer mir bis dato unbekannten Art und Weise war ich kaputt. Apathisch, jeden Schritt spürend, schleppte ich mich Richtung Morgengrauen. Noch vier undankbare Kilometer lagen vor uns. Schweigend ging jeder seinen Weg. Da waren sie wieder, die ungläubigen Autofahrer. Um 03.40 Uhr zwei Typen. In beschriebener Optik, in tiefster Pampa…
Ich habe nicht mehr dran geglaubt, aber ein Höhepunkt sollte noch folgen. Diesmal lagen die Rieselfelder zu unserer Rechten. Der Nebel war noch da! Es war schon hell, die Morgenröte setzte ein. Es hatte sich gelohnt! Unfassbar, welch Naturschauspiel ich mit eigenen Augen sehen durfte. Eigentlich hätte man dankbar auf die Knie fallen müssen; doch darauf verzichtete ich, denn ich wäre nicht mehr hochgekommen.
Um 05.15 Uhr erreichten wir das Auto in Wilhelmsdorf und damit auch all das, was wir für unbeschreibliche sieben Stunden hinter uns gelassen haben. Es war die kürzeste Nacht meines Lebens. Ich sah, hörte und spürte Dinge, die ich nur aus Büchern kannte. Ich glaube in dieser Nacht bin ich ein wenig demütiger geworden. Jeder Schritt hat sich gelohnt.
Epilog:
Auf der Hintour legten wir einen kurzen Zwischenstopp an der Tankstelle in der Wilhelmsdorfer ein. Grübelnd, welche Genußmittel für eine Nachtwanderung geeignet sind, wandte ich mich mit Verweis auf diese an den Tankwart. Auf der Rücktour steuerten wir die gleiche Tanke an. Ich brauchte dringend etwa zum Essen. Der gleiche Tankwart schaute mich ungläubig an und fragte: “Wirklich?” Ich wünschte ihm einen schönen Feierabend.
Von verschiedenster Seite wurde mir die Frage nach dem Warum gestellt. Seit dieser Nacht stellt sich für mich die Frage weniger denn je.
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großartiger reisebericht!
Der Hut steht Dir Falki
Coole aSache… zumal das ausgewählte Gebiet sich ja bestens für so einen Trip eignet… zumindest wenn man das richtige Schuhwerk an hat.
So weit die Füße tragen // Eine Nachtwanderung // Teil 1 | BrandenBlog.com // 06.07.2009 um 20:37 Uhr
[...] Die Nacht hatte sich über den Neustädtischen Forst gelegt. In dem Moment fühlten wir uns wie Frodo und Sam. Eine dunkle Vorahnung in mir trug frodoeske Züge bezüglich des Marsches. [...]
Wirklich schöner Bericht! Sollst du nochmal in BRB eine Nachtwanderung machen, könntest du ja vielleicht vorher mal einen kleinen Aufruf machen, sodass man eine kleine “Nachtwandergruppe” bildet. Mich würde Brandenburgs Landschaften bei Nacht auch mal interessieren.
einfach nur hammer geil beschrieben. Bin zwar auch erst 24 aber ich liebe diese Strecke. Die echt schon unheimlich is am Tage
Respekt euch 2
Ein toller Beitrag. Er weckt das Interesse bei mir, auch mal eine Nachtwanderung zu starten!
Erstklassig verfasst. Ihr hattet bestimmt eine Menge Spaß. Ich schnappe mir demnächst auch mal meinen Kumpel und ziehe sowas durch.
Irgendwie erinnert mich das ganze an den Film “Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers” mit River Phoenix… einen meiner Lieblingsfilme. Selbst tagsüber alleine ist der Weg vom Faulen See zum Diebesgrund schon einigermaßen gruselig!
Wunderbar ihr 2.
Bei der fülle der Bilder die ihr bestimmt gemacht habt, könntet ihr doch eine tolles Fotobuch herausbringen oder?
Herzlichen Dank für die netten Kommentare. Eventuell starten wir Ende August eine neue Tour. Etwas gekürzt und leicht modifiziert. Ich gebe hier im Blog rechtzeitig Signale. Mal schauen, wie wir dann eine mgl. Gruppe zusammenstellen.
@pixel
Nichts ist mit Fotos. Superflop. Langzeitbelichtungen muss ich noch üben.
@Blumy
Stimmt, toller Film! Wiki: „Rob Reiner hat aus einer Geschichte des Erfolgs-Autors Stephen King einen wunderbar sensiblen, melancholischen und romantischen Abenteuer-Film gemacht. Das Abenteuer beginnt, als vier Jungen von einer Leiche im Wald in der Nähe ihrer kleinen Stadt hören. Mit ihrem bisschen Taschengeld, Schlafsack und ohne Proviant brechen sie auf und träumen davon, als Helden gefeiert zu werden, wenn sie die Leiche des vermissten Jungen finden. Sehr atmosphärisch ist diese sommerliche Freundschafts-Idylle des Jahres 1959, wehmütige Erinnerungs-Emotionen an eine Welt ohne Computerspiele.“
Top Ausflug im Niemandsland! Das ehemalige Sperrgebiet bietet ein ähnliches Abenteuerpotential…
Weiter so!
Wir sind dran. Das Sperrgebiet haben wir erst tagsüber mit dem Bike bereist. Dort hat sich vegetativ in den letzten 20 Jahren einiges getan. Sich nachts dort zu orientieren ist enorm schwierig.
Ja – ist nicht mehr ganz einfach aber immer noch sehr interessant.
Ich nehme mir das mal vor und werde berichten.
Bis demnäxt!