Meine letzte Nachtwanderung machte ich damals in einem tschechischen Ferienlager. Ich glaube sie war ca. 2 Stunden lang und führte uns durch Kiefernwälder. Während meines letzten Urlaubes schmiedete ich den Plan, zwei Jahrzehnte später erneut zu einer Nachtwanderung aufzubrechen. Ein Partner für dieses Vorhaben war schnell gefunden. Der Personaltrainer von Brandenburg an der Havel, Tom Engelhardt, sollte mein Partner sein. Die Waffen waren also ungleich, der Geist einte uns.
Bereits während der Vorbereitung stellte sich uns mehrmals die Frage, bin ich fit genug für 21 km nächtliches Marschieren durch Wald und Wiese? Schließlich wollten wir genau dieselbe Route ablaufen, welche ich mit dem Mountainbike mit Ach und Krach bewältigt hatte. Letztendlich gab es keine Diskussion, es musste gehen! Die weiteren Planungen waren schnell erledigt. Mit mussten: lange Hose und langes Shirt gegen die Mücken, eine Regenjacke gegen mögliche Unwetter, Essens- und Trinkrationen, welche unsere Frauen zubereiteten, technisches Equipment, das jeden Ranger in Montana blass aussehen lassen würde, und festes Schuhwerk.
Am Tag der Tour steigerte sich die Spannung erwartungsgemäß. Über 30 Grad am Tage ließ Extremes für die Nacht erwarten. Dann beging ich einen folgenschweren Fehler. Um der Hitze etwas entgegenzusetzen trug ich den Tag über Flip Flops. Ein plötzlicher Termin in der Stadt zwang mich mein Schuhwerk zu wechseln. Nagelneue 5-Mark-Stoff-Treter aus dem H&M kleideten meine Füße – und quälten sie zugleich. Zurück im Büro hatte ich zwei veritable offene Wunden jeweils auf dem kleinen Zeh. Ich hätte mich selber geißeln können. Welch ein Idiot! Diverse Rücksprachen mit Bekannten ließen mich hoffen. Pflaster und bequeme Schuhe sollten das Latschen erträglich machen.
Kurz vor der Abfahrt in Richtung Startgebiet, das Equipment war bereits gepackt, waren die Zehen dran. Ordentlich getaped hatte ich ein gutes Gefühl – das alsbald zusammenbrach, als ich in in die Schuhe schlüpfte. Ich ging in die Kniee. Die Geschichte mit dem festen Schuhwerk hatte sich erledigt. Es waren definitiv ganz beschissene Schmerzen. Jedes weitere Paar Schuhe, das ich anprobierte, ließ die Hoffnung sinken. Es ging nichts! Der Einwurf meiner Frau, ich sollte doch die Tour um eine Woche verschieben, ließ mich kopfschüttelnd zurück. Ein Abenteurer kennt keinen Terminplan! Ein paar alte Strandlatschen, die mir auf diversen Kanarischen Inseln gute Dienste erbracht hatten, weckten in mir neue Hoffnung. Vorne am Zeh und am Hacken waren die Treter schön offen… Bingo! Nur am kleinen Zeh ging leider der Halteriehmen lang. Kurzerhand fing ich an, mir die Schuhe zurecht zu schnitzen. Mit Messer und Schere wurde Platz für die kleinen Zehen geschaffen. Die erste Anprobe führte zu wahren Jubel-Exzessen. Es ging, naja, so halbwegs. Mit dem Auto holte ich dann flugs meinen Mitstreiter ab. Entsetzt nahm er mein Maleur zur Kenntnis. Eine Absage der Nachtwanderung kam für uns aber nie in Frage. Mit dem Auto ging es zuerst in Richtung Buckau-Brücke, Höhe Wendgräben. Dort sollten Teile des Equipments im Wald versteckt werden. Die ersten zwei Stunden unserer Wanderung wollten wir unnötigen Ballast vermeiden.
Punkt 22.30 Uhr standen wir am Startpunkt unserer Reise in Wilhelmsdorf südlich der Rieselfelder. Die Nacht hatte sich über den Neustädtischen Forst gelegt. In dem Moment fühlten wir uns wie Frodo und Sam. Eine dunkle Vorahnung in mir trug frodoeske Züge bezüglich des Marsches. Ein Anruf des Platzhirschen, der sich erkundigte, wo er uns mit seiner Kamera in einer Woche suchen könne, weckte weitere Kampfeslust in uns. Das GPS wurde angeschmissen, das Nachtsichtgerät in Richtung Wald ausgerichtet, der Rucksack festgezurrt, los ging es!
Morgen geht es weiter mit dem 2. Teil.
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Hi Stephan,
Du lebst ja doch noch. Hatte mir schon ernsthaft sorgen gemacht, ob Du die Tour überstehst.
Habe größten Respekt vor so einer Aktion.
Danke übrigens fürs Paket.
Bis die Tage!
Kai
So weit die Füße tragen // Eine Nachtwanderung // Teil 2 | BrandenBlog.com // 06.07.2009 um 20:07 Uhr
[...] Der Wald erwachte! Die Vögel gaben Laute von sich, dass einem das Blut in der Adern erfror. Der passende Ort für entsprechende Sagen oder Gruselgeschichten. An der Silberquelle boten sich uns ähnliche furchterregende Geräusche. Ob jemals nach Habakuk Schmauch jemand zu dieser gottlosen Stunde dort gewesen ist? [...]
große klasse, weiter so.