Heute geht sie wieder los, die Tour de France. Das weckt bei mir Erinnerungen. Erinnerungen an die Zeit, wo Radsport nur auf Eurosport lief und Miguel Indurain die Tour dominierte. Und Erinnerungen an die Jahre 1996 und 1997. Ganz besonders denke ich dabei immer wieder an diese eine Etappe von 1997: die nach Andorra-Arcalis, als Jan Ullrich gewann und ins gelbe Trikot fuhr, begleitet von den legendären Kommentaren des Eurosport-Reporters Ackermann “Jetzt räumt Ullrich richtig auf hier” und “Nicht umgucken, Jan, nach vorne!”
Diese Etappe läutete für mich Jahre des intensiven Beschäftigens mit dem Profi-Radsport ein. Schon Monate vor der Tour beobachtete ich alljährlich alle Vorbereitungsrennen, dazu die Gewichtsentwicklung Jan Ullrichs, und ich wusste sogar, wie das Wetter an den Orten war, wo Ullrich trainierte. Das Tourgott-Forum war quasi die Startseite meines Browsers. Die Vorfreude auf die drei Wochen im Juli und das Hinfiebern auf den Prolog der Tour gehörten wie selbstverständlich zum Frühjahr; das stundenlange Verfolgen der Etappen und die aufgeriebenen Nerven vor, während und nach den Bergetappen prägten meinen Sommer. Auch Ullrichs Niederlagen gegen den Unaussprechlichen konnten mich nicht bremsen, denn der wahre Fan zeigt sich in der Niederlage. Und unvergessen sind meine Freudentränen aus dem Jahr 2003. Denn in diesem Jahr siegte Ullrich im schicken Bianchi-Trikot auf zwei Etappen gegen Armstrong und hatte womöglich das einzige Mal eine reale Chance auf seinen zweiten Gesamt-Sieg.
Aber dann kam das Jahr 2006. Ullrich wurde von der Tour gesperrt wegen Blutdopings und ein Telekom-/T-Mobile-Fahrer nach dem anderen gestand, gedopt zu haben. Als dann sogar Udo Bölts, der Vorbildsportler schlechthin, einräumte, Doping genutzt zu haben, bin ich ausgestiegen. Ich hatte stets an die Redlichkeit der deutschen Fahrer geglaubt und sie als Vertreter des ehrlichen Teils der Fahrer gesehen. Das mag heute, wo man so vieles über die Freiburger Uni-Klinik weiß, naiv und lächerlich klingen, aber so ist es gewesen. Womöglich war es sogar falsch zu glauben, es gebe überhaupt ehrliche Fahrer. Ich habe damals, 2006, dann irgendwo den Satz gelesen “Wenn das die Zukunft des professionellen Radsports ist, dann lasst ihn sterben.” Und daran habe ich mich seitdem gehalten.
Wenn ich sehe, wie Ullrich heute auftritt, wie er immer noch leugnet, was nicht mehr zu leugnen ist, und wie er seine Fans der Wahrheit nicht für würdig hält, dann muss ich einräumen: Anfänglich war ich enttäuscht und wütend, doch inzwischen schäme ich mich nur noch, einen solchen Halunken und Betrüger einmal unterstützt zu haben.
Und das lässt mich nochmal zurückkommen auf den Eurosport-Reporter Ackermann. Der sagte 1997 kurz vor Schluß der Andorra-Etappe, als Ullrich den Berg heraufflog und alle zurückließ: “Der fährt da hoch, das ist unglaublich!” Leider hat Ackermann Recht behalten.
“als Jan Ullrich gewann ”
Das waren noch Zeiten, bist nicht der einzige, der da in Erinnerungen schwelgt… allerdings bin ich auch heute gespannt, wie Sich Armstrong schlagen wird… gönne Ihm auch das 8. Mal das Gelbe Trikot ..
Wenn ich hier schreiben würde, was ich Armstrong gönne, dann würde ich unsere eigenen Blogregeln brechen.
In diesem Sinne: Armstrong, irgendwann wirst auch du büßen. Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann.
Mir gehts ähnlich… habe früher auch immer mit Begeisterung die Tour verfolgt, insbesondere die Etappen mit den Bergankünften haben mich immer fasziniert weil es so ungemein spannend war wer wann attackiert und wer seine Attacken durchhält. Dabei habe ich immer für unsere Landsmänner die Daumen gedrückt und gehofft, dass es einer packt. Tja und nun… heut gehts wieder los aber es juckt mich nicht. ich weiß nicht mal so genau welche Teams dabei sind bzw. welche Fahrer aus Deutschland kommen. Alles verflogen… die ganze Faszination. Und, dass Armstrong da nochnmal mitfährt macht das Ganze nicht besser. Wird nur wieder eine Vorführung der besten in Amerika entwickelten, noch nicht nachzuweisenden, Dopingmethode. Seine historischen Erfolge hat er mit Sicherheit nicht clean geschafft. Er war halt nur ein wenig schlauer als andere.
So ist es! Leider entscheiden im Radsport nicht (nur) Talent, Trainingsfleiß u.ä., sondern weitgehend der perfekte Einsatz von Doping. Das läßt sich bei allen Strapazen, die so eine Tour grundsätzlich bereitet, nicht ausblenden. Ich will keine zugepumpten Freaks sehen, die Gesundheit und Moral dem Erfolg unterordnen. Und dann erst dieses peinlich bis lächerliche Getue, nun sei alles gut, die schwarzen Schafe seien nämlich aussortiert oder geläutert.
Habe gestern mit einem Nachbarn ebenfalls geschwärmt. #damals
Ich war so naiv und dachte, es reicht, wenn Ulle abends 6 Kilo Nudeln isst und den nächsten Tag geht dann die Post ab.
Ich bin milde geworden. Ulle tut mir leid. Irgendwie bleibt er mein Tourgott.
Ich schließe mich diesem ebenfalls an, auch ich bin ganz schnell von der arbeit nach hause gefahren um die Bergetappen live zu verfolgen, auch für mich war Ullrich ein Idol. Ich habe jede Etappe mitgezittert wenn es um das Duell Ullrich gegen Armstrong ging. Ich werde dieses Jahr die Tour wieder verfolgen in der Hoffnung das vielleicht Klöden endlich mal etwas reisst. Armstrong konnte ja mittlerweile nachgewiesen werden, dass er ende der 90er nicht sauber war, aber er muss aus irgendwelchen Gründen keine Konsequenzen erfahren. Vielleicht kriegen sie ihn doch noch mal.
Mensch Matthias, ausgerechnet Klöden? #kopfschüttel
Nun will ich hier Doping nicht gutheissen, aber wer glaubt oder das im Profi Sport nicht gedopt wird, der glaubt auch an den Weihnachtsmann. Und an alle die das so schrecklich finden was Ulle gemacht, oder auch nicht gemacht hat, es ist ja nicht bewiesen, der solle bei jeder Sportveranstaltung den Fernseher aus lassen. Jeder der den Radsport zeredet, solle sich mal auf sein Radl setzten und wenn möglich einen Tour Berg hochfahren. Danach möchte ich euch mal reden hören. Ob mit oder ohne Doping, Radsport ist einer der härtesten Sportarten der Welt. Übrigends, am Straßenrad in Frankreich werden immernoch alle bejubelt. Auch Ulle und Lance Schriften sind auf der Straße immenoch ausreichend zu finden.
Also ich denke, auch wenn ich noch nie einen Tour-Berg gefahren bin, darf ich meinen Ärger über den verlogenen Profi-Radsport äußern. Wenn jemand stets beteuert hat, er sei sauber, und ihn nun die Aussagen von Kollegen, Betreuern, Ärzten, Telefonmitschnitte und Indizien, gefunden in den Räumen eines spanischen Arztes, belasten, dann bleibe ich dabei: Ich ärgere mich, diesen Kerl einmal unterstützt zu haben. Jemand ist nicht erst überführt, wenn er gesteht; auch ohne Geständnis kann eine Beweislage entstehen, die zweifelsfrei eine Tat bzw. deren Täter belegt.
Und was den ausgeschalteten Fernseher betrifft, hast du Recht: Der bleibt in der Tat seit Jahren beim Radsport aus; da schwinge ich mich doch lieber auf mein eigenes Rad und drehe fleißig Runden. Aber auch andere Dinge schaue ich aus ähnlichen Gründen schon lange nicht mehr, so z.B. Schwimmen, Leichtathletik usw.
Naja, ich geh davon aus das so gut wie keiner sauber ist und wenns dann noch einen Deutschen gibt der die Tour de Doping gewinnt, warum nicht. Im Endeffekt ist es doch trotzdem spannend wenn die Spitzengruppe sich kurz vor dem Ziel selbst zermürbt
“…gefunden in den Räumen eines spanischen Arztes…” och nöööö … weil der typ ja auch so integer ist/war …. ich muss da dem dritter mal einfach rechtgeben … klar is doping “schei++e” aber es wäre naiv zu glauben die welt ist clean … ich schau mir jetzt halt die tour auszugsweise an und freu mich über die tollen bilder … wenn sie alle gedopt sind wird auch da wieder der beste gewinnen …
btw. ist jemand von den hier anwesenden radlern gestern bei der TdB mit gefahren?
Naiv – na und? Klar, ich habe doch gesagt, inzwischen mag das naiv klingen. Nur damals sprach schon einiges für die Redlichkeit der deutschen Fahrer. Wer hat denn damit gerechnet, dass eine Uni-Klinik ein Radteam systematisch mit Doping versorgt? Habt ihr das wirklich gewusst? Mich jedenfalls haben die Enthüllungen überrascht.
Im Übrigen gibt es unter all den Dopern keinen “Besten”. Das sind alles Lügner, die ein Haufen öffentliche Förderung einstreichen und keinen Funken Ehre im Leib haben. Ich ziehe den Hut nur noch vor denen, die rechtzeitig vor dem Sprung in den Seniorenbereich aussteigen, gar nicht erst mit dem professionellen Radsport anfangen und trotz Talents ehrliche Leute bleiben wollen. Zu denen schaue ich auf; die anderen dagegen sind nicht mal eine Handbewegung in Richtung Fernbedienung wert!
Ich werde auch diese Jahr wieder die Tour de France an schauen.
Liegt wohl daran, dass ich einfach radsportbegeistert bin
Fahre im Jahr hobbymäßig auch ein paar tausend Kilometer.
Andorra-Arcalis | BrandenBlog.com // 10.07.2009 um 00:03 Uhr
[...] Tour de France – ohne mich! (13) [...]
Muss leider kurz den Bericht etwas korrigieren, nicht der legendäre Klaus Angermann hat diese Zitate gebracht (“Der fährt da hoch, das ist unglaublich! usw.”), sondern Rudi Altig, der damals Co-Kommentator auf Eurosport war
Oh, wenn das so ist, hat mich meine Erinnerung getäuscht. Danke für die Richtigstellung.