“Woran krankt also der Kapitalismus? Er krankt nicht allein an seinen Auswüchsen, nicht an der Gier und dem Egoismus von Menschen, die in ihm agieren. Er krankt an seinem Ausgangspunkt, seiner zweckrationalen Leitidee und deren systembildender Kraft. Deshalb kann die Krankheit auch nicht durch Heilmittel am Rand beseitigt werden, sondern nur durch die Umkehrung des Ausgangspunktes. An die Stelle eines ausgreifenden Besitzindividualismus, der das als natürliches Recht proklamierte potentiell unbegrenzte Erwerbsinteresse der Einzelnen, das keiner inhaltlichen Orientierung unterliegt, zum Ausgangspunkt und strukturierenden Prinzip nimmt, müssen ein Ordnungsrahmen und eine Handlungsstrategie treten, die davon ausgehen, dass die Güter der Erde, das heißt Natur und Umwelt, Bodenschätze, Wasser und Rohstoffe, nicht denjenigen gehören, die sie sich zuerst aneignen und ausnützen, sondern zunächst allen Menschen gewidmet sind, zur Befriedigung ihrer Lebensbedürfnisse und der Erlangung von Wohlfahrt. Das ist eine grundlegend andere Leitidee; sie hat die Solidarität der Menschen in ihrem Miteinander (und auch Gegeneinander) zum tragenden Bezugspunkt. Die grundlegenden Setzungen, aus denen sich die ökonomischen, aber auch außerökonomischen Handlungsabläufe konstituieren, sind von daher abzuleiten…
Nimmt man dies zum Ausgangspunkt, wirkt sich das in vielfacher Weise aus: auf die Zuordnung der Bodenschätze und natürlichen Rohstoffe, auf den Umgang mit den Bedarfsgütern und der Umwelt, auf eine führende Rolle jedweder Arbeit gegenüber dem Kapital wie auch auf Grenzen der Akkumulation von Eigentum, auf die Anerkennung der Mitmenschen – auch der künftigen Generationen – als Subjekte und Partner im Bereich von Nutzung, Handel und Erwerb statt Objekte möglicher Ausbeutung. Dadurch wird ein verbindlicher Rahmen vorgegeben. Innerhalb dieses Rahmens können und sollen durchaus Erwerbssinn und Eigennutz, die Garantie von Eigentum, ihren pragmatischen Sinn und ihre Funktion als Antriebskräfte des wirtschaftlichen Prozesses haben. Aber sie bleiben eingebunden in das vorausliegende Konzept der Solidarität, das inhaltliche Orientierung gibt und unbegrenzter Ausdehnung Grenzen setzt.“
Ernst-Wolfgang Böckenörfe, SZ vom 24. April 2008, S. 8
Ernst-Wolfgang Böckenförde, ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht und einer der großen Gelehrten unserer Zeit, hat diese Woche im Lichte der Wirtschaftskrise den Kapitalismus analysiert. Die Kraft seiner Gedanken folgt nicht zuletzt daraus, dass ihm wie kaum einem anderen Unabhängigkeit in der Meinung bescheinigt wird. Der gesamte Aufsatz ist hier zu finden. Er ist wie alles, was ich bisher von Böckenförde gelesen habe, brilliant. Etwas derart Gehaltvolles liest man heutzutage nur selten.
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Der Mann schreibt mir aus dem Herzen. Würde es doch mehr Menschen in führenden Positionen geben, die so denken.
“Die Wahrheit erzeugt Hass!” (Aristoteles). Diese Tatsache erklärt warum Prof. Böckenförde sich mit seiner moralischen Integrität nicht nur Freunde machen wird mit seiner trefflichen Analyse des Neoliberalismus samt seinem zugrunde liegenden Menschenbild.