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Die Generalisten aus Brandenburg an der Havel. Für nix zu schade!

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damals #9: Das Ende meiner Kindheit

14. April 2009 von Stephan · 3 Kommentare · Aus dem Leben, Damals, Die Generalisten, Kirchmöser

Ich glaube, es war das letzte Mal, dass ich an einem Sonnabend zur Schule gegangen bin. Es war der Sonnabend nach dem 09. November 1989. Die Berliner Mauer war am Donnerstag zuvor gefallen.

Die letzten beiden Stunden an dem Tag wurde Staatsbürgerkunde unterrichtet. In diesen wilden Zeiten für den unterrichtenden Lehrer ein nicht ganz einfaches Unterfangen. Mit meinen 13 Jahren hatte ich aber durchaus den Eindruck, dass er die Situation ganz gut meisterte. Er sprach von Erneuerung des Sozialismus. Er hoffte auf einen Wandel bei der de facto Einheitspartei, der SED. Er bat uns, an dem vor uns stehenden Wochenende nicht zu sehr den westdeutschen Verlockungen zu frönen.  Wir sollten den Wandel als Chance für den Sozialismus in  der DDR betrachten. Der Ton, in dem er zu uns sprach, war in diesen Tagen ein anderer, als in all den Monaten und Jahren zuvor. Er klang demütig. Rückblickend glaube ich, es war kein demütiger Ton, sondern der Mann der zu uns sprach, war ein Gebrochener.

An diesem Tag warteten wir nicht auf das Klingeln der Pausenbimmel. Wir durften früher nach Hause. Viele von uns sind nach Hause gerannt. Ich auch. Wie so viele Familien an diesem Tage, hatte auch meine einen Plan. Die Eroberung des Paradieses sollte anstehen. Und das möglichst schnell. Zu Hause angekommen sollte es auch gleich weiter gehen. Der Trabant stand vollgetankt vor der Tür. Die Verkehrslage war bereits durch meinen Vater intensiv analysiert worden. Der Weg ins Paradies sollte uns über Nauen nach Staaken, später nach Spandau führen. Andere Routen waren bereits jetzt, gegen Mittag, hoffungslos verstopft.

Kurz hinter Nauen standen die ersten geparkten Trabants, Wartburgs und Ladas. Heute ist es mir ein Rätsel, wie man von dort den Fußmarsch in Richtung Ziel antreten konnte. Das Ziel war für alle das Gleiche. West-Berlin! Bis vor kurzem die Reinkarnation des Bösen – und nun die des Guten, des Bunten, des Neuen. Irgendwann waren die Straßenränder rechts und links voll von parkenden Autos, so dass man keine andere Wahl hatte. Es ging rüber mit dem Auto. Nach meiner Erinnerung war die Ausweiskontrolle am Grenzübergang  nur eine kurze und zögernde. Etwas weiter hinten war schon das blaue Gebäude vom Grenzübergang und Zollbereich Staaken/Berlin-West zu sehen. Dort wurden wir flott durchgewunken. Es war der Wahnsinn, der kollektive Rausch. Nun brach das Jubel-Zeremoniell, wie wir es vom Tage zuvor aus dem Fernsehen kannten, über uns herein. Jeder der mal Trabbi gefahren ist, kennt das Geräusch, wenn unzählige Hände auf das Dach der Pappe klopfen. Es war damals ein irrer Sound. Für mich der Sound der Wende. Massenhaft geschwungene Fahnen, die später einmal unsere werden sollte, begrüßten uns.  Wir wurden wie alte Verwandte begrüßt, die man Jahre nicht gesehen hat und nun unverhofft vor einem stehen.

Kurz danach wurden wir rausgewunken. Die Konsummissionare von Kaisers-Kaffee hatten Stellung bezogen. Ein kurzer Blick in den Trabant. 2 Erwachsene, 2 Kinder, das macht 2 Tüten und für die Kinder jeweils eine Schokolade extra. Gib dem Affen Zucker. Yeah! So konnte es weiter gehen. Etwas weiter fanden wir einen Parkplatz direkt an der Heerstraße. Wir hatten alles richtig gemacht. Ganz lässig sind wir Dorfnasen direkt bis in den Westen vorgefahren. Wenn schon, denn schon. Wer sind wir denn?

Wer wir sind, wurde uns schnell klar. Wir waren mittellose Ostler im Westen. Aber auch da hatte der Heiland an diesem Tag eine Lösung für uns. Begrüßungsgeld! Einhundert Mark West für jeden Erwachsenen und pro Kind nochmal, ich glaube, 40 Mark West. Das Gute liegt so nah, die nächste Sparkasse auch. Es war die erste  kurz hinter der Mauer. Entsprechend lang war auch die Schlange, aber das kannten wir ja. Tja, jeder von uns ist nur ein Mensch, die Verlockungen waren zu groß. 10 Meter vor uns stand mein Staatsbürgerkundelehrer in Begleitung seiner Frau und ein befreundetes Lehrerehepaar, ebenfalls aus meiner Schule, bei ihr hatte ich Russisch. Mist! Sie waren schneller als wir. Anscheinend glaubten auch sie nicht wirklich an die  morgens noch beschworene behutsamme Erneuerung des Sozialismus. Die Schlachten waren geschlagen. Der Krieg war verloren. Auf in ein neues Glück!

Unkompliziert konnte die Kohle eingesackt werden. Die schlauen Westdeutschen hatten neben der Sparkasse noch ein großzügiges Einkaufzentrum gebaut. Also gleich rüber zu Woolworth und Co. Dort konnte dann auch der Traum vieler Väter erfüllt werden: ein CD-Player der Marke Sanyo. Unsere erste CD war von Roxette, Look Sharp, ein Meisterwerk! Nachdem das erste Verlangen gestillt war, sollte es direkt in die City gehen, mitten ins Herz von Berlin, auf den Kurfürstendamm.

Es war irre, wie schnell innerhalb von Stunden eine Logistik gezimmert wurde, dass quasi an fast jeder Ecke und zu fast jeder Minute ein Bus auf uns wartete. Dabei handelte es sich vorwiegend um Reisebusse, welche über Nacht aus dem tiefsten Westen Deutschlands herangeschafft worden waren.

Ich mache es kurz: Nie werde ich die Stimmung auf dem Kurfürstendamm vergessen. Der Boulevard war komplett gesperrt. Alles war brechend voll mit Menschen. Es war episch!

Auf der Rücktour zum Parkplatz wurde noch eine deutsch-deutsche Freundschaft geknüpft; diese Geschichte wird ein anderes mal erzählt werden. An die Rückfahrt kann ich mich kaum noch erinnern. Wir waren platt und überwältigt. Das viel beschriebene Wochenende der Deutschen lag hinter uns und wir waren mittendrin gewesen!

Dieser Sonnabend im November bedeutete gleichzeitig auch das Ende meiner Kindheit. Mit diesem Tag begannen bei vielen die Sorgen. Ich spürte die Unsicherheit bei den Erwachsenen. Was mag wohl kommen? Was wird sich alles ändern? Die Unbeschwertheit meiner Kindheit war dahin. Ein neues Leben begann und die DDR begann immer schneller unterzugehen.

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3 Kommentare bis jetzt↓

  • FerdelNo Gravatar

    Ja, es war ein toller Samstag. Im Grunde alles richtig gemacht, mit Trabi rübergefahren. Unvergesslich aber auch unvorstellbar, am Stadtrand geblieben, auch Geld bekommen, eingekauft, nette Leute kennengelernt.
    Es wurde der Herlitz LKW vergessen, der uns auch reich beschenkte.
    Es war schon alles toll und es war das einzigste mal, dass ich einen ALDI gesehen habe, in dem es nichts mehr zu kaufen gab. Er war wirklich total leer. Wir wollten noch ein Eis für den Verfasser ( Generalisten ) und seine Schwester kaufen, aber es gab nichts mehr. Gar nichts.
    Ich glaube an diesem Tage war keinem bewusst, was es für Veränderungen geben wird. Ich bin sogar der Meinung viele dachten da noch es bleibt alles so wie es ist, Brötchen 5 Pfennig, Miete 70 Mark und so weiter. Nur eben, dass wir Westgeld haben und schön shoppen können, war doch geil kurz vor Weihnachten.
    Trotzallem, es waren schon bewegte, tolle Tage, die man nicht missen will.

  • derhirseNo Gravatar

    Die Wende partybedingt verpennt. Am nächsten Morgen waren wir zu viert, die einzigen im Wohnheim. Die Fachschule leer. Na gut, dann eben rüber, mit Pennerbeutel und Kletis. 100€ in Empfang genommen und dann haben wir erst mal 10 verschiedene Sorten Büchsenbier im Kreis ausprobiert. :) Die Kassiererin bei SPAR tat mir leid, hatte nicht so viel Wechselgeld, bei all den hundert Mark scheinen. Das Bier war auch nicht so toll, also dachten wir, wird der Rest uns auch nicht umhauen. Prost – Wohnheim ;)

  • cg1No Gravatar

    so ganz lückenlose erinnerungen kann ich nicht mehr vorweisen, war halt noch etwas jung. prägend war dennoch:

    -> an dem samstag haben meine ellis meinen bruder und mich gar nicht erst zur schule geschickt, wird sind früh gleich hingefahren. gab im nachgang auch keine probleme. die lehrer waren scheinbar froh, dass ein teil der leute überhaupt wiederkam. es war schon komisch, in den folgetagen/wochen lichtete sich das klassenfeld immer mehr, die “sind nach drüben”, ihre wohnungen standen leer (in hohenstücken an den fehlenden gardinen zu erkennen).
    -> das begrüßungsgeld sammelten auch wir ein
    -> meine eltern nutzten an irgend einem ort ein nach draußen gestelltes telefon. von hier konnten die angereisten ossis gratis die verwandschaft in west-germany anrufen. passende telefonbücher lagen daneben
    -> auf dem kudamm versuchten uns unzählige geschäftstüchtige berliner bunte leuchtstangen und knicklichter zu verkaufen, wir blieben standhaft.

    die bedeutung dieses tages wurde mir erst später nach und nach bewusst, irre!

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