Autor: René
Update:
Aus aktuellem Anlaß möchte ich darauf hinweisen, dass die Debatte Zwanziger ./. Weinreich heute vorläufig ein groteskes Ende findet: T 20er wird nämlich der Preis “Gegen Vergessen – Für Demokratie verliehen”. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wie bei Stefan Niggemeier nachzulesen ist.
Geehrt wird Zwanziger u.a. für seinen Einsatz gegen Homophobie im deutschen Fußball. Aber gerade dieser ist meines Erachtens nicht konsequent. Gerade dort, wo es unpopulär war etwas zu sagen, hat 20er dies nicht getan. Damit spiele ich an auf die weiter unten im Beitrag beschriebene Situation Ballack vs. Bierhoff. Meines Erachtens hätte es dem DFB gut zu Gesichte gestanden, sich von Ballacks Äußerungen zu distanzieren. Für die vielen Fan-Initiativen und schwullesbischen Fan-Clubs jedenfalls wäre dies ein hilfreiches Zeichen von der Verbandsseite gewesen. Um die Inkonsequenz 20ers in diesem Fall zu illustrieren folgende Frage: Wie hätte der DFB wohl reagiert, hätte Ballack Bierhoff als “Neger” bezeichnet? Ich denke Ballack wäre heute nicht mehr Kapitän der Nationalmannschaft.
Und wie verbreitet die Homophobie im Fußball leider ist, kann man sehen, wenn man bei Niggemeier in den Kommentaren liest; manch einer hat dort Fragwürdiges geäußert. Es gibt aber auch, und das macht Hoffnung, Leute, die sich dem entgegen stellen.
Bleibt noch ein kurzer Hinweis auf den Kollegen catenaccio, der einiges weiteres Aktuelles über Fußball zusammengetragen hat.
alter Beitrag:
Neuen Kategorien folgen Beiträge mit neuen Themen. Das hier soll der erste Beitrag über Bücher sein. Ich möchte zwei Bücher vorstellen und empfehlen, die diesen Herbst erschienen sind. Das eine, ein Roman, erzählt von den Anfangsjahren der DDR und das andere, ein biographischer Bericht, widmet sich der Homophobie im deutschen Profi-Fußball.
Werner Bräunig: Rummelplatz
Das erste Buch heißt “Rummelplatz” und ist von Werner Bräunig. Bräunig schrieb das Buch Anfang der 60er Jahre. Er beschreibt darin ungeschönt und mitreißend die Gründerjahre der DDR. Im Kern geht es darum, wie sich die Bewohner und insbesondere die Arbeiter in der jungen DDR einen Platz suchen in einem System, das den Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit überwinden und eine sozialistische Zukunft begründen wollte. Bräunig öffnet hierzu dem Leser unterschiedliche Perspektiven: Man lernt u.a. einen Professorensohn kennen, der im Bergbau anfängt, um später studieren zu können, des Weiteren begleitet der Leser einen Bergmann, der in den unterschiedlichen Systemen unter Tage gearbeitet hat, und schließlich auch dessen Tochter, die sich in einer Papierfabrik als Frau nicht mit Handlangertätigkeiten zufrieden gibt.
Literarisch ist Bräunigs Werk ein Genuß; Bräunig beschreibt Alltägliches plastisch und leserfreundlich – und gleichzeitig übt er auf den Leser eine Wucht aus durch eine milieutypische Sprache. Schon kurz nach Erscheinen des Buches stand für viele fest: Bräunigs Werk ist einer der besten deutschen Nachkriegsromane.
Bleibt noch kurz zu sagen, warum das Buch erst jetzt (genauer: letztes Jahr im Hardcover und diesen Herbst als Taschenbuch) erschienen ist. Das Buch durfte in der DDR nicht erscheinen, da es den offiziellen Vorstellungen eines sozialistischen Aufbaus widersprach. Das Manuskript kam erst nach der Wiedervereinigung zurück in den Besitz der Söhne Bräunigs, der bereits 1976 verstorben war. Bräunigs Erben überließen das Manuskript 2005 dem Aufbau-Verlag; dort wurde der Roman 2007 herausgegeben.
Ich empfehle das Buch dringendst all denen, die verstehen möchten, warum nach 1945 viele Leute ihre Hoffnungen in einen sozialistischen Staat steckten – und all jenen, die verstehen möchten, warum dieser Staat nicht überleben konnte.
Ronny Blaschke: Versteckspieler
Das zweite Buch ist von Ronny Blaschke und heißt “Versteckspieler”. Blaschke schreibt die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban. Dieser stand zu Beginn der 90er Jahre bei Rot-Weiß Erfurt auf dem Sprung in den Profikader der Zweitligamannschaft, scheiterte jedoch letztlich, weil er seine Ängste und Aggressionen nicht kontrollieren konnte. Urbans Ängste und Aggressionen waren Folge der jahrelangen Selbstverleugnung in dem schwulenfeindlichen Kosmos des Leistungsfußballs.
Von der Geschichte Urbans nimmt Blaschke Bezug zur gegenwärtigen Homosexuellenfeindlichkeit im deutschen Profifußball. Dabei geht es Blaschke sowohl um die Homophobie auf den Rängen als auch die unter Spielern und Funktionären.
Dass Homophobie nicht nur auf den Rängen zu finden ist, belegt eine unsäglich Aussage Christoph Daums aus diesem Jahr, in der dieser Homosexuelle mit Kinderschändern gleichgestellt hat. Und auch anhand von Michael Ballack, Kapitän der deutschen Nationalmanschaft, ist dies zu belegen: Er hatte nämlich keine Skrupel, Oliver Bierhoff während eines Streits nach dem EM-Finale als “Obertucke” zu bezeichnen. Für Ballack ist dieses Homosexuelle diskriminierende Wort offenbar ein gängiges Schimpfwort. Und es geht noch weiter: Ich habe diese Woche einen Artikel bei focus.de gelesen, wo der Autor gemeint hat, Bierhoff solle sich nicht so haben, schließlich sei das besagte Wort selbst unter Sechstklässlern verbreitet. Schlimm! Spieler, Trainer und weite Teile der Medien haben offenbar kein Gespür dafür, wie diskriminierend sie sich verhalten.
Blaschke schreibt in seinem Buch aber auch über Situationen, in denen Leute ihre dumpfen Vorurteile ablegen, zumeist schon kurz nachdem sie das erste Mal darüber nachgedacht haben, was sie da wirklich sagen. Und schließlich meint Blaschke, der Fußball würde durch die Überwindung der Homophobie nicht nur ein freundlicheres Klima gewinnen; er würde sich zudem zahlreiche Talente (“es müssen Hunderte sein”) erhalten, die nicht wegen ihrer Ausgrenzung aufhören würden, professionell Fußball zu spielen.
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