Die Wettervorhersage war eindeutig. Es sollte das Wetterereignis des Jahres werden. Alle Wettermodelle standen auf rot. Sturmtief Daisy war im Anflug. Im Gepäck: Sturm und massig Schnee. Selbstverständlich wurde der Tag, an dem Daisy die Stadt treffen sollte, freigeschaufelt. Der Abmarsch wurde für 11.00 Uhr festgesetzt. Wir hatten uns ein riskantes und abenteuerliches Unterfangen vorgenommen. Quer durch den Wald – durch unseren Wald, dem Gränert. Über zugefrorene Kanäle und überflutete Wiese querfeldein zum Faulen See und von dort aus, mal schauen… Das Wetter sollte für uns dabei eine bezaubernde Kulisse bieten.
Die Wildnis empfing uns an der Buckau-Brücke kurz hinter der Malge. Der Rucksack wurde geschultert, die Schibrille aufgesetzt, der Kragen hochgeklappt und die Mütze tief ins Gesicht gezogen. Es konnte losgehen. In den Baumwipfeln verfingen sich die ersten Boten des Sturmtiefs. Schon von weitem hörte man, wie der Sturm Atem holte, um dann brachial über uns hinwegzuziehen. Kurz hinter der Brücke verließen wir den Pfad und bogen südlich in den Wald. Als erstes besorgten wir uns entsprechende Äste, die uns fortan als Gehhilfe und Erkundungsgerät dienten. Bereits nach kurzer Zeit offenbarte sich uns die erste Herausforderung. Der Weg, den uns der Kompass zeigte, war versperrt. Besser gesagt er war zugewuchert. Ein kurzer Blick in die Augen genügte. Wann, wenn nicht heute… also schlängelten wir uns furchtlos durch das Gebüsch. Kurz danach stießen wir auf eine überfrorene Wiese. Nun ist diese Gegend bekannt für ihren morastigen Untergrund. Für uns bedeutete das, dass es schwer einzuschätzen sein würde, ob die Eisschicht trägt oder eben nicht. Im ungünstigsten Fall waren zwar maximal zwei nasse Füße zu erwarten, aber in Anbetracht der Witterungsverhältnisse konnte auch das unangenehm werden. Mit unseren Stöcken stakten wir uns vorwärts. Immer wieder brachen diese durch die dünne Eisschicht und versanken tief im Morast. Ein Moment der Unaufmerksamkeit und schon war es passiert! Ein Begleiter rutschte in ein Loch und versank bis zur Wade im Wasser. Super-Gau! Nach 1 Stunde drohte der Abbruch unserer Mission. Nun war der Betroffene ein ganz schlauer Mann. Er hatte keine Gore-Tex-Schuhe oder sonstige Globetrotter-Utensilien an den Beinen, sondern ganz profane Lederschuhe, diese hatte er – ganz pfiffig – von innen mit Einkaufstüten abgeschottet. Die erste Prüfung war somit bestanden, wir konnten weitermarschieren.
Nach der Überquerung eines tiefgefrorenen Kanals setzte bei uns langsam so etwas wie Routine ein. Ab und zu kreuzten Bäche unseren Weg, wir kämpften uns durch Schneeverwehungen und wurden dabei von verlassenen Hochständen flankiert. Im Wald war der tobende Sturm nicht mehr als ein frischer Wind, der uns den Schnee in die Augen blies. Der nun verstärkt einsetzende Schneefall ließ die Neuschneedecke von Minute zu Minute anwachsen. Mittlerweile waren keine Spuren von Tieren oder Jägern mehr zu erkennen. Gebückt aus einer Schonung krabbelnd, standen wir plötzlich vor einer Weggabelung. An dieser kreuzte auch ein Kanal unseren Weg. Nach Lage der Dinge musste dieser direkt auf den Faulen See zulaufen. Kurzerhand trauten wir uns auf das Eis, und vor uns lag die Autobahn zum See. Rechts und links krümmten sich die Bäume über den Kanal, so dass ein traumhafter Tunneleffekt entstand. Entschlossen stapften wir weiter, das Gesicht mit festem Willen in Richtung Wetterkante gedreht. Was dann kam, war unser persönlicher Erweckungsmoment! Der Kanal mündete nicht, entgegen unserer Planung, direkt in den Faulen See, sondern unvermittelt gabelte er sich auf. Rechts oder links? Zur Linken, in Richtung Süden blickend, war am Horizont hinter dem Wald eine Lichtung zu erkennen. Das musste ER sein! Der Faule See lag umwogen von einer Schnee-Gischt südlich von uns. Wir standen also direkt auf dem Hechtgraben, dem einzigen Abfluss des Sees. Was für ein Fest! Nie im Leben hätten wir gedacht, dass wir eines Tages dort stehen werden. Noch bei unseren sommerlichen Wanderungen lag dieser Teil des Gränertforstes für uns unerreichbar im Wasser und Sumpf. Esox Lucius war besiegt!
Aufgeregt liefen wir in Richtung See. Was würde uns erwarten? Würde er passierbar sein? Dort angekommen wurde erstmal die obligatorische Probebohrung vorgenommen. Als wir endlich auf Wasser stießen, war sofort klar, das Eis würde tragen. Mitten auf dem See drehte Daisy dann ordentlich auf. Der Sturm peitschte die Schneeflocken horizontal über das Eis. Welch ein perfektes, betörendes Schauspiel! Sämtliche Reißverschlüsse unserer Unwetterausrüstung mussten nun verschlossen werden. Wir hatten endlich gefunden, was wir gesucht hatten. Aug in Aug mit dem Sturm kämpften wir uns über den See. Als wir den überfluteten Teil des Erlenbruchwaldes erreichten, bot sich uns eine unvergessliche Optik. Um uns herum standen die abgestorbenen Stümpfe der Bäume. Wir waren umzingelt von Totempfählen, die quasi den See beschützten. Nun gut, vielmehr waren sie Opfer eines Bibers. Dieser pfiffige Bursche hatte am Abfluss zum Hechtgraben eine veritable Biberburg gebaut. Diese hat den Wasserspiegel des Sees um etliche Zentimeter ansteigen lassen mit der Folge, dass südlich des Faulen Sees besagter Erlenbruchwald komplett überflutet wurde. Das Todesurteil des Waldes war besiegelt.
Am Ende des Überflutungsgebietes fanden wir einen Zufluss zum See. Kurzer Hand nutzten wir diese neuerliche Gelegenheit, um unseren Weg in Richtung Süden fortzusetzen. Der Diebesgrund und die Silberquelle sollte nun das nächste Zwischenziel für uns sein. Konsequent folgten wir dem Lauf der Kanäle. Von unserer Systematik her konnten diese uns zwangsläufig nur in Richtung Diebesgrund führen. Leider versandeten etliche Läufe im Wald. Oftmals mussten wir Umwege nehmen, da das Eis nicht trug. Beiläufig überquerten wir den Dachsberg. Mit strammen 43 Metern über null ist der Berg die höchste Erhebung im Gränertforst nach dem Weinberg (61 Meter) bei Mahlenzien. Hinter dem Dachsberg fanden wir eine, uns bis dato unbekannte, traumhafte Lichtung, auf der wir ein unbekümmertes Rehlein beobachten konnten. Hinter der Lichtung setzte ein bewaldeter Wall an. Demzufolge konnte nur östlich von uns die Silberquelle mit dem dann folgenden Diebesgrund liegen. Der Wall konnte nur ein Ausläufer der Endmoräne sein, die mit ihrer eiszeitlichen Rinne aus Mergel und den vermoorten Senken die Basis für das Feuchtgebiet im Gränertforst bildet.
Langsam setzte sich die Dämmerung über den Wald. Der nahende Abend verdeutlichte uns, dass wir unsere Route straffen mussten, wollten wir wenigstens im Halbdunkeln die Buckau-Brücke wieder erreichen. Außerdem schmerzten meine Beine. Die Softboots an meinen Beinen, die sonst nach einem Snowboard verlangen, waren ein beachtlicher Ballast. Außerdem sah die steife Körperhaltung aufgrund der Geometrie der Botten im Wald ziemlich albern aus. Ich war ständig bereit, die Abfahrt ins Tal vorzunehmen, nur fehlte es an einem Tal und einem Snowboard. Ich wollte nur wandern.
Schnell war dann der Diebesgrund erreicht und wir machten uns auf, die Wiese des Habakuk zu erkunden. Eingeschlossen von ehrwürdigen Buchen betraten wir die mystische Wiese. Zugeweht von Schnee stellte sie eine letzte Herausforderung für uns dar. Teilweise hüfthoch türmte sich der Schnee auf. Es war mehr ein Robben als Laufen im Schnee. Eine beeindruckende Stimmung erfasste unsere Herzen. Das Zwielicht bezauberte unsere Sinne. Es war still. In der Ferne rauschte der Schneesturm. Wir waren mitten im Sturm und hatten ihn bezwungen.
Lutz Eigendorf wurde 1956 in Brandenburg an der Havel geboren. 1970 wechselte er von Motor Süd Brandenburg zum BFC Dynamo. Sein Talent brachte ihn bis in die Nationalmannschaft der DDR. 1979 setzte er sich in die BRD ab. Sein Verein bestritt ein Freundschaftsspiel beim 1.FC Kaiserslautern. Er blieb einfach drüben. Vier Jahre später war Lutz Eigendorf tot.
Eigendorf kam bei einem mysteriösen Verkehrsunfall ums Leben. Bis heute sind die genauen Umstände ungeklärt. War es Mord?
Es war Mord! Stasi-Chef Erich Mielke habe ihn persönlich angeordnet. Eigendorfs DDR-kritisches Fernseh-Interview direkt an der Mauer nur wenige Tage vor dem Unfall sei der Auslöser gewesen. Danach sei ein Killer-Kommando zur Exekution angetreten. Alle Informationen, die es brauchte, waren zuvor bis ins kleinste Detail zusammengetragen worden.
Fiktion:
Es war saukalt draußen! Das Thermometer zeigte unter -10° Celsius. Kurz nach Neujahr 2010 lag Brandenburg an der Havel unter einer dicken, tiefgefrorenen Schneedecke. Durch die Einflüsse der Zivilisation war es trotzdem schwer, innerhalb der Stadt unberührte Schneeflächen zu entdecken. Ein frostiger Blick nach Westen über die Seenplatte des Breitlingbeckens genügte, um unberührte Landstriche ausfindig zu machen. Eingeklemmt zwischen Plauer, Möserschen und Breitlingsee liegt ein nahezu unberührtes Stück Natur. Nach neuster Definition eine klassische No-Go-Area. Die Wusterau.
Eiskalt peitschte der Wind aus Osten in die Gesichter. Entlang der Mützen bildeten sich durch die Atemluft rasch kleine Eiszapfen. Nur noch einen Schritt über brüchiges Eis und das Niemandsland war erreicht. Vor den vor Kälte tränenden Augen eröffnete sich die unberührte Breite der Wusterau. Am Horizont ging die unendliche Weite der weißen Steppe schimmernd in die schwarze Nacht über. Der kräftige Wind trieb den Schnee wie Nebel über die Insel. Nach den ersten 100 Metern reichte der Schnee fast bis zu den Knien. Ein Fortkommen wurde immer schwieriger. Nach weiteren endlosen Metern öffnete sich die Landschaft nach rechts und links abfallend zum Ufer. Ungeschützt jaulte der Wind über den ausgemergelten Boden. Die Schneehöhe nahm rapide ab, teilweise war der steinhart gefrorene Sand zu spüren. Neben dem Weg erhoben sich mächtige Schneeverwehungen, abschnittsweise reichten diese bis zu den Schultern. Nunmehr konnte man flott des Weges schreiten. Nur das Knirschen des Schnees und das tiefe angestrengte Atmen durchschnitten die Stille. Am Rande des Ufers zum Breitlingsee schlängelte sich ein kleiner Pfad in Richtung Norden. Zur Linken öffnete sich die schweigend dämmernde Steppe. Kleine aus dem Schnee herausragende Büsche sahen im Sturm aus, wie Statuen von wartenden Götzen. So muss Tatooine im Winter aussehen! Unheimlich einsam und verlassen wirkte die Leere der Landschaft auf die vorbeiziehenden Wanderer. Linear lag das Panorama eines fremden Ortes vor ihnen. Unwirtlich drohte hinter dem Horizont die glanzlos glühende Stadt mit ihrem Stahlwerk und nervösen Lebensadern.
Langsam zeichnete sich am Horizont die Kontur eines dunklen Hügels ab. Als der Weg einen Schlenker nach Westen machte, war bereits die Kiefern-Bewaldung des Hügels zu erkennen. Abseits des Weges, im Schatten der Bäume, versanken die Wanderer alsbald wieder im knietiefen Schnee. Vereinzelt waren Spuren von Tieren im Dämmerlicht des Mondes zu erkennen. Weiterhin lag eine bedrückende Stille über der Insel. Diese wurde plötzlich durch einen dumpfen Schrei unterbrochen. Einer der Gefährten viel kopfüber in eine von Schnee zugewehten Senke. Nur mit Mühe gelang das Aufstehen. Ohne großes Aufheben ging man schweigend weiter gen Norden den Hügel hinauf.
Zwischen den vor Schnee gebückt stehenden Kiefern zeichnete sich schmucklos die dunkle schemenhafte Kontur eines Monolithen ab. Nach ein paar Schritten zeichnete es sich klar und deutlich ab – das Denkmal – ein karger Obelisk voller Erinnerungen aus vergangenen Tagen. Schweigend und in Gedanken verloren standen die Weggefährten vor den zugeschneiten Gräbern der inzwischen umgebetteten Toten. Sie hatten Anfang 2009 an einem anderen Ort ihre letzte Ruhe gefunden. Ihre ehemaligen Gräber fügten sich quadratisch wie offene Särge aus Schnee und Sand um das Denkmal. Bis zu 84 Zwangsarbeiter und Kinder sollen hier damals verscharrt worden sein.
Schneebruch durchbrach blitzartig die beklemmende Stille und sendete gleichzeitig das Signal zum Rückmarsch aus. Diesmal schleppte man sich querfeldein – mitten durchs Nichts – durch die erstarrte steppenartige Landschaft. Als die Ufer des Plauer Sees erreicht waren, konnte man weiter südlich einen Pfad finden, der urplötzlich in der Zivilisation endete. Unermessliche Weiten lagen hinter den Abenteurern.
Noch niemand ward von seinem Genius in die Irre geführt. Mag das Ergebnis auch körperliche Schwäche sein, so kann doch vielleicht niemand sagen, dass die Folgen zu bedauern seien, denn dieses Leben war höheren Grundsätzen gemäß. Wenn uns Tag und Nacht so erscheinen, dass wir sie mit Freude begrüßen, wenn das Leben einen Duft ausströmt wie Blumen und würzige Kräuter, wenn es spannkräftiger, sternenreicher und mehr unsterblich wird – dann ist dies unser Erfolg. Die ganze Natur beglückwünscht uns, und wir haben Grund, uns einen Augenblick selig zu preisen. Die reichsten Gewinste, die höchsten Werte werden am seltensten geschätzt. Wir vergessen sie bald. Und doch sind sie höchste Wirklichkeit… Die wahre Ernte meines täglichen Lebens ist etwas so Unfassbares, Unbeschreibliches wie Himmelsfarben am Morgen und Abend. Ein wenig Sternenstaub, ein Stückchen Regenbogen – das ist alles.
Henry David Thoreau – Walden. Ein Leben in den Wäldern
Nachdem wir unsere Erfahrungen bei Grillen am Feuerwerkslaboratorium und den Nebel im Diebesgrund verdaut hatten, war schnell wieder unsere Entdeckerlust geweckt. Bereits ein paar Tage später, das Silvesterfest stand kurz bevor, machten wir uns wieder auf in die Nacht. Draußen beim Wetter gab es nichts Neues, es war wie immer arschkalt! Da auch diesmal wieder ein veritables Feuer unsere Sinne erwärmen sollte, musste einiges an Equipment herangeschafft werden. Der Fußweg zum Ort unser Einkehr war nunmehr ungleich weiter als der zum Feuerwerkslaboratorium. Wir brauchten also eine Art Sherpa. Eine umgebaute Sackkarre fungierte uns mehr schlecht als recht als Muli. Beim Überwinden eines komplett vereisten Knüppeldamms warf dieses widerborstige Ding mehrmals unsere Sachen in die feuchte Kälte.
Nach einem ca. 25 minütigen Fußmarsch erreichten wir unseren Zielpunkt. Schon von weitem sah man diesen gottverlassenen Ort im Zwielicht daliegen. Er bildete eine Art Sackgasse. Es gab keinen Fluchtweg. Es war ein Leuchtturm. Dort, wo die Havel in den Breitlingsee mündet, schlugen wir unser Lager auf. Der auffrischende Wind ließ unsere Glieder erstarren. Es ist schon erstaunlich, Feuchte und Wind lassen -1° Celsius wie -10° erscheinen.
Routiniert entfachten wir unser Feuer. Dieses entwickelte sich, angetrieben von einem flotten Westwind, schnell zu einem respektablen Maifeuer, welches wir schnell durch entsprechende Maßnahmen einzudämmen wussten. Da unsere Truppe noch nicht vollzählig war, mussten wir mit der Entfachung des Grills noch etwas warten. Ein Plätschern im Wasser und das Glimmen einer Zigarette kündigte von der nahenden Ankunft des Angstfreien. Wir waren nun vollständig, und die Beratungen an unserer Thingstätte konnten beginnen. Was gab es alles auszuwerten! Rückblickend war 2009 ein gigantisches Jahr gewesen. Wir waren oft im Schutze der Nacht unterwegs. Wir erlebten unsere Umwelt mit neuen Augen. Wir bildeten eine eingeschworene Truppe, die weder Angst noch Mühen scheute, neue Wege zu beschreiten.
Das Thing entwickelte sich gut. Die Grillwurst schmeckte und das Feuer wärmte uns. Unablässig blies ein eisiger Wind von Buhnenwerder herüber, der mit sprühender Gischt die Wellen an die Befestigung des Leuchtturms drückte. In der dunklen Ferne hörte man das morsche Resteis des kalten Dezembers jaulen. Und dann kam es, wie es natürlich kommen musste.
“Hast du das auch gesehen?” Nein, selbstverständlich nicht. Ca. 100 Meter in unserem Rücken soll die Umgebung kurz von einem Licht erhellt worden sein. Ein Spanner? Wilderer? Gleichgesinnte? Nichts dergleichen! Kurzzeitig spielte meine Fantasie wieder verrückt. Wir saßen fest – ohne Ausweg – am Kap der Angst. Nun gut, Kopfkino ist manchmal etwas ganz Feines und manchmal aber auch leicht hinderlich in der Ausübung klarer Gedanken. Zum Glück erklärte sich jemand bereit, den Rückweg zu sondieren. Niemand anders als der Angstfreie wollte/konnte diese Aufgabe übernehmen. Gebannt schauten wir ihm nach. Irgendwann verschluckte die Nacht das Glimmen seiner Zigarette, um sie kurz danach wieder auszuspucken. Wie so oft, fröhlich uns entgegen latschend, überbrachte er uns die Kunde, dass kein Verrückter oder Perverser auf uns lauert… Die Luft war also rein, wir konnten wieder am Feuer Platz nehmen.
Kurz vor Mitternacht löschten wir das Feuer und machten uns zufrieden auf den Rückweg. Das Jahr 2009 lag hinter uns, ohne zu wissen, dass 2010 noch viel fulminanter starten sollte…
Was passt besser zu diesem tollen Winterwetter als ein guter Tee, eine Wärmflasche und ein gutes Buch? Rayk Wieland hat mich mit “Ich schlage vor, dass wir uns küssen” mächtig beeindruckt! Auf 208 Seiten erlangt der Leser Einblick in die Stasi-Akte des W. Spannend, denn W. weiß nichts von seinem “Glück” – fast 20 Jahre nach dem Mauerfall erfährt W., dass er wohl ein unbekannter Untergrunddichter der DDR gewesen sein muss. W. begibt sich auf Zeitreise und nimmt seinen Leser mit. Der Nebel lichtet sich und wir tauchen ein… in den Mief, den Muff, die Langeweile der 80er Jahre der Deutschen Demokratischen Republik. W. läßt tief blicken, verliert aber nie seinen Wortwitz und das Gefühl für`s Detail.
Auszug (S.54): “Ich hätte mir charmantere Mitleser gewünscht als den Spanner vom Innendienst. Das Fatale in der DDR war leider auch, daß man sich seine Spitzel nicht aussuchen konnte.”
Mit 17,90 € ist dieses Buch zwar recht teuer, aber: Ich schlage vor, Sie tätigen diese Investition und werden zum Mitleser. Ich bin mir sicher, Rayk Wieland wäre zufrieden mit Ihnen!
Update (27.01.2010): Sturmtief “Jennifer” ist im Anmarsch. Heute Nacht sollte dann auch BRB wieder eine ordentliche Packung Schnee bekommen. Das Tief ist zwar leicht nördlich nach Polen abgedriftet, wie das sich in den Niederschlagsmengen ausdrückt, bleibt abzuwarten bzw. kann ich nicht deuten. Und dann ist da ja wiedermal noch der Wind…
An alle Mildlinge da draußen; nur die Hoffnung nicht verlieren!
Und dräut der Winter noch so sehr
Mit trotzigen Gebärden,
Und streut er Eis und Schnee umher,
Es muss d o c h Frühling werden.
Hoffnung von Emanuel Geibel
________________________________
Auch der DWD hat eine amtlich Warnung vor Extremfrost veröffentlicht. Voraussetzung für solche tiefen Werte: Ein durchgängig wolkenloser Himmel, eine geschlossene Schneedecke und wenig Wind. Heute Nacht dürfte diese Vorraussetzungen nahezu perfekt erfüllt werden. Spontan hat sich die Wandergruppe “Extremfrost” zu einem kleinen Ausflug entschlossen… demnächst mehr davon.
Am Donnerstag tendieren die Temperaturen dann gegen null, aber schon im Laufe des Tages geht es wieder abwärts und das saukalte Winterwetter setzt sich fort. Ab Donnerstag ist auch vermehrt mit Schneefall zu rechnen. Bis zum Wochenende kann ordentlich was zusammen kommen. Das dürfte dann die “Marienborders” vom Quenz auf den Plan rufen bzw. freuen!
Abschließend noch ein kurzer, aber schöner Blick an die Ostsee. Bis zum Horizont Eis! Herrlich!
“Unsere Timeline ist leer!” Für 2009 standen keine besonderen Events mehr im Programmplaner. Die Wochenenden sind bis Jahresende blockiert und auch unter der Woche war wenig Luft auszumachen. Leere Blicke umkreisten die halbleeren Gläser. Ein Entschluss musste her, ein Signal des Aufbruchs. Blut, Schweiß und Tränen – noch dieses Jahr! Allen Dreien am Tisch war klar, nur etwas Besonderes kann das Jahr 2009 noch toppen. Man wurde sich schnell einig, dass fortan die Abende für Kurztrips in die Wildnis oder zu Lost Places genutzt werden. Ein Einweggrill wird dabei zukünftig als Taufschale dienen.
Am Tag des Abgrillens zog seit den frühen Morgenstunden dichter Nebel durch die Gassen. Gegen Abend verdichtete sich dieser. Es war kurz vor Weihnachten 2009. Nur tollkühne und angstfreie Typen zieht es bei diesem Wetter nach draußen. In Kirchmöser angekommen, war der Nebel noch genauso dicht wie damals in Dartmoor. Behangen mit Equipment wie vagabundierende Geologen gingen wir in Richtung Zielobjekt. Überrascht stellten wir fest, dass kein Warnschild oder Zaun uns aufhalten wollte. Der Weg war frei! Das traurige Feuerwerkslaboratorium lag diesig, in Nebel gehüllt, vor uns. Es war eine grausige Stille. Nach einem kurzen Zögern folgten die ersten entschlossenen Schritte. Kurz danach standen wir im Innenhof des Laboratoriums, an beiden Seiten begrenzt von mächtigen Gebäudestrukturen sowie vorne und hinten abgeschlossen durch spitze Türmchen. Wir standen mitten auf einem verwunschenen Vestibül. Es machte sich eine bedrückende Atmosphäre breit. Ich fühlte, wie Schatten an mir vorbeizogen… Ich war also definitiv nicht angstfrei, aber tollkühn genug, mir das anzutun.
In der dunkelsten Ecke des Hofes schlugen wir schließlich unser Lager auf. Das Feuer war schnell entfacht und auch der Grill wurde entzündet. Wir schwiegen. Der Ruf eines Uhu durchbrach die Stille.
Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.
Ein kalter Schauer lief mir den Rücken entlang. Ich gruselte mich. Der Nebel hatte sich etwas gelichtet, teilweise war sogar der Sternenhimmel zu erkennen. Trotzdem zogen vereinzelt dichte weiße Schwaden über den Boden. Schließlich erhellte sich etwas die Stimmung. Die erste Grillwurst sorgte für entsprechende Ablenkung und Geschichten von damals ließen die Gedanken kreisen. Im Unterbewusstsein gelang es mir jedoch nicht, meine Furcht abzulegen. Ich saß mit dem Rücken zum Hautgebäude – dunkle Augen lugten aus den Fensterhöhlen hervor. Immer wieder drehte ich mich um und leuchtete mit der Taschenlampe die Umgebung aus. Einer meiner Begleiter kannte keine Furcht. Er beschloss spontan, auf Expedition zu gehen. Er ließ uns beide am Lagerfeuer zurück und erkundete die Umgebung. Leicht surreal anmutend durchwanderte nun ein kleines LED-Licht den Innenhof.
Wir standen vom Lagerfeuer auf und beobachteten unseren Freund. Unser Atem durchschnitt die klare Luft. Plötzlich änderte sich schlagartig die Atmosphäre. Von Osten schob sich eine mächtige Nebelbank in einem beängstigenden Tempo auf den Hof. Innerhalb von Sekunden war das LED-Licht verschluckt. Die Umgebung lief wie eine Badewanne voll mit Nebel. Wir beide erschauderten. Am liebsten hätte ich meinen Begleiter umarmt und um Nähe nachgesucht. Bislang sah ich nur im Fernsehen in solcheiner Geschwindigkeit Nebel wandern.Wir konnten einem beeindruckenden Naturschauspiel beiwohnen. Die Kulisse tat ihr übriges. Meine Phantasie komplettierte das Szenario. Eigentlich fehlte nur noch das Heulen eines Hundes und ich wäre vom Wahnsinn getrieben in den kleinen Wendsee gesprungen.
Nach ca. 3 Stunden beendeten wir das Abgrillen. Durchfroren und zufrieden grinsend marschierten wir zum Expeditionsfahrzeug zurück. Dort angekommen, entschlossen wir uns, spontan noch einen kleinen Abstecher in den Diebesgrund zu unternehmen. Das Wetter war einfach zu einladend und bis zur verordneten Nachtruhe waren noch 2 Stunden Zeit. Kurzerhand parkten wir das Auto am Hohenzollernstein und begannen den Abstieg in den Diebesgrund. Der alte Habakuk Schmauch hätte uns sicherlich erschlagen, wilderten wir doch in seinem Revier. Der Weg in den Diebesgrund ist der dunkelste in der ganzen Mark. Dicht gewachsene Nadelgehölze überwuchern den Weg. Sekundiert werden diese von mächtigen Buchen, die still und mahnend auf uns herabschauten. Der wabernde Nebel machte die Orientierung schwer, vereinzelt raschelte es im Wald…
Es bleibt weiter saukalt da draußen. In der Nacht zu Sonntag kann das Thermometer auf bis zu -15°C absinken. Dabei soll der Wind auf ca. 30 km/h auffrischen. Für Nachtschwärmer sei deshalb das Taxi empfohlen. Laut “Windchill-Rechner” bedeuten nämlich -15°C bei 30 km/h gefühlte -34,4°C! Das ist doch mal eine Ansage und zugleich Warnung.
Bei Windchillwerten von -29°C und niedriger besteht die Möglichkeit, dass es innerhalb von 30 Minuten oder weniger zu Erfrierungen kommt. Der Bezug zur Erfrierungsgefahr bezieht sich auf das Erreichen einer Hauttemperatur von -4,8 °C, ab welcher für etwa 5 % der Menschen Erfrierungen auftreten (Quelle: wz-forum.de).
Der Winter 2009/2010 bleibt Schwerstarbeit für meine Wetterstation:
Hinweis: Zwischenzeitlich hatte die SVV dann doch noch die Überprüfung auf Stasi-Mitarbeit beschlossen.
_______________
Heute gibt’s nochmal einen Rückblick auf das Thema dieser Woche in Brandenburg: die Abstimmung in der SVV zur Überprüfung der Stadtverordneten auf eine Stasi-Mitarbeit.
Was mich aber fast noch mehr ärgert, sind die Argumente, die jetzt für das Abstimmungsverhalten der Mehrheit angeführt werden. Im Einzelnen:
Für eine Aufarbeitung und Aufklärung genüge doch die Darstellung des Systems als solches, der Einzelfall sei dafür nicht bedeutsam.
Nach 20 Jahren sei die Zeit reif, nicht mehr zurück, sondern vorwärts zu schauen; entscheidend sei, dass die Stadtverordneten sich für die Stadt engagierten.
Die Arbeit des BND beispielsweise werde auch nicht veröffentlicht.
Man dürfe nicht vergessen, dass bei einer solchen Überprüfung im Falle eines Fundes für den Betroffenen auch privat eine missliche Situation entstehen kann.
Zu 1.: Das stimmt nicht! In tatsächlicher Hinsicht gibt es das System als solches nicht. Der Begriff “System” ist lediglich ein abstrakter Oberbegriff. Und dieser fasst was wohl zusammen? Die Einzelfälle. Das bedeutet: Ohne Aufarbeitung der Einzelfälle kann ich das System nicht bzw. nicht vollständig erfassen. Und im Übrigen ist von der Systemfrage erfasst, was mit den ehemaligen Spitzeln geschehen ist. Haben diese sich aus staatlichen Positionen des neuen Systems herausgehalten? Oder agieren sie auch im neuen Staatsapparat? Und wenn sie dies tun: Zeigen sie offen, was sie früher waren und dass sie sich nunmehr womöglich gewandelt haben, oder verschweigen sie Teile ihrer Biographie?
Zu 2.: Hierzu fällt mir nur eine Frage ein, auf die ich bisher keine Antwort gehört habe: Warum soll jemand, der andere bespitzelt und somit deren Rechte aufs gröbste verletzt hat, nun ohne weiteres dieselben Rechte in der SVV vertreten? Und dass jemand sich für seine Stadt einsetzt, ist gerade nicht das einzige, was zählt. Wer bespitzelt wurde oder gar noch Schlimmeres erleiden musste, der hat verdammt nochmal einen Anspruch darauf, dass die Täter nicht wieder hinter ihren Masken die staatlichen Repräsentanten spielen. Es ist die moralische Pflicht unserer Repräsentanten zu zeigen, dass sie mit diktatorischen Machenschaften nichts (mehr) zu tun haben. Es ist ein Erbe, das man von den Repräsentanten aus der Zeit vor 1990 übernommen hat und leider nicht so schnell abschütteln kann. Es gibt nun einmal bei den Opfern von damals ein Bedürfnis zu wissen, was die Täter von damals, die ja weitestgehend noch leben, heute machen. Wer dies ignoriert, hat nicht verstanden, wie man situationsgerecht und verantwortungsbewusst die Interessen anderer repräsentiert.
Zu 3.: Ungeachtet dessen, dass der Vergleich völlig schief liegt – ich jedenfalls habe noch von niemandem gehört, der vom BND wegen seiner politischen Einstellung bespitzelt, gefoltert und schließlich ins Gefängnis gebracht wurde -, wünsche ich mir beim BND auch deutlich mehr Transparenz. Aber: Nur weil es beim BND nicht richtig läuft, muss es noch lange nicht bei anderen Geheimdiensten auch falsch laufen. Seit wann legitimiert der Fehler in einem Bereich den aus einem anderen? Verantwortungsvolle Politik jedenfalls sieht anders aus.
Und zu 4.: Das lässt sich eben nicht ändern. Dieses Risiko trägt jeder täglich mit allem was er tut. Jedem kann was misslingen mit der Folge, dass sein Privatleben durcheinander gerät. Dabei handelt es sich um ein alltägliches Lebensrisiko. Warum sollte nun gerade denen dieses Risiko abgenommen werden, die andere bespitzelt und dadurch einem Unterdrückungs- und Folterapparat zugeführt haben? Das verstehe ich nicht! Mit diesem Argument ließe sich im Übrigen u.a. der gesamte Strafanspruch unseres Gemeinwesens aushebeln.
Als Bürger fühle ich mich jedenfalls angesichts all dieser Argumente nicht ernst genommen. Und merkwürdigerweise kenne ich kaum jemanden, der das Abstimmungsverhalten gut heißt. Nach alledem scheint mir: Da hat sich unter unseren Repräsentanten mal wieder eine Meinung herausgebildet und durchgesetzt, die mit uns Repräsentierten recht wenig zu tun hat.